Zeitschriften der Avantgarde
Herwarth Walden und die Zeitschrift “Der Sturm”
(Magisterklausur von Tillmann Allmer im Fach Publizistik & Kommunikationswissenschaft, Herbst 2001)
Im dynamischen Literaturbetrieb der künstlerischen Avantgarde am Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten Zeitschriften ein zentrales Element neben z.B. Kunstausstellungen oder Vortragsabenden. In Form von Zeitschriften fanden junge Autoren ein adäquates Artikulationsforum. Hier konnten publikumswirksam neue Ideen, Ziele und Manifeste verkündet werden und avantgardistische Kunst und Literatur, die in bürgerlichen Kunst- und Literaturzeitschriften keinen Platz hatte, fand eine Form der Publikation. Während der ganzen Moderne waren die Zeitschriften der Avantgarde von großer Bedeutung, da sie oft die ersten Anlaufstellen für Dichter und Maler waren, wenn diese ihre Werke veröffentlichen wollten. Ein Großteil der ausschlaggebenden expressionistischen Texte wurde zunächst in Zeitschriften herausgegeben. Vor allem junge, engagierte Autoren, die im Literaturbetrieb noch nicht oder wenig bekannt waren, griffen auf ein Medium zurück, dass als Ideenträger flexibel und aktuell, realtiv preiswert reproduzierbar und verfügbar war und in dem sie das gesprochene Wort dauerhaft fixieren konnten.
Eine erste Gründungswelle von avantgardistischen Zeitschriften liegt in den Vorkriegsjahren 1910-14, in denen auch die beiden ersten Organe des frühen Expressionismus – “Der Sturm” (1910-1932) und “Die Aktion” (1911-1932) – gegründet wurden. Wenig später kamen “Die Weissen Blätter” (1913-1921) in Leipzig auf den Buchmarkt. Vor allem diese drei Zeitschriften (neben der Innsbrucker Zeitschrift “Der Brenner”) wurden zu Vorbildern für viele weitere kleinere Publikationen, die oft nur kurze Zeit und/oder unregelmässig erschienen. Unmittelbar nach dem Krieg kam es 1918 zu einer weiteren Welle von Zeitschriftenneugründungen, die neben künstlerischen Ausrichtungen stark politisch, teilweise revolutionär, teilweise pazifistisch waren. Die Inhalte der avantgardistischen Zeitschriften waren meist nicht rein literarischer Natur, sondern oft auch (kultur-) politisch orientiert. Gemeinsam ist ihnen der Bruch mit der damaligen bürgerlichen Kultur und Literatur. Die avantgardistischen Zeitschriften waren das primäre Medium für Manifeste und theoretische Programmerklärungen. Der Zeitschriften kam die Funktion zu, neben der ersten Veröffentlichung von Werken, die Ideen und Positionen der avantgardistischen Künstler und Literaten zu propagieren und ihnen ein Diskussionsforum zu bieten. Sie waren gleichzeitig Verlautbarungsorgane und Reflexionsmedien innerhalb eines gruppenorientierten Kommunikationssystems.
Ein charakteristisches Merkmal des Mediums Zeitschrift ist seine regelmäßige Publikation auf zunächst unbestimmte Dauer. Gemeinhin gehen Verleger und Herausgeber von einer langlebigen Existenz aus. Vorraussetzung dafür ist die Bereitstellung von genügend Textmaterial durch Autoren und eine kontinuierliche redaktionelle Betreuung. Bei den vielen kurzlebigen avantgardistischen Zeitschriften greifen diese Charakteristika nur bedingt. Die oft unregelmäßige Erscheinung, die Kurzlebigkeit wie auch die äussere Aufmachung einiger Blätter erinnern stark an die Publikationsmedien Flugschrift oder Flugblatt. Paul Raab zieht in einem Aufsatz (“Die Zeitschriften des Expressionismus”, in: Imprimatur, 1961/62) den Vergleich mit der Zeit der Reformation, als Flugschriften, Broschüren, Hefte und Pamphlete in grosser Fälle auf dem Buchmarkt gehandelt, als Programme und Aufrufe weit gestreut waren. Das antibürgerliche Selbstverständnis der Autoren und Künstler der Avantgarde fand neben den Inhalten seinen Ausdruck auch in der äusseren Aufmachung der Zeitschriften. Der Flugblattcharakter wurde durch auffallende grafische Elemente unterstützt, die sowohl Aussagen der Texte unterstützen als auch textunabhängig eingesetzt wurden. Während die Zeitschriften, die sich vor dem Ersten Weltkrieg gründeten, meist noch der traditionellen Typographie verpflichtet waren, lösten sich nach dem Krieg viele Zeitschriften von typographischen Gesetzmässigkeiten. Mischungen von Schriftarten und -Größen, unregelmäßige Anordnugen von Texten und Grafiken gerieten zum gestalterischem Normbruch. Teilweise verschmolzen Text und Grafik zur symbiotischen Einheit. Zum typischen grafischen Gestaltungsmittel gehörte der Holzschnitt. Ausserdem wurden teilweise Fotographien und Fotomontagen verwendet.
Im Rahmen der bunten und vielgestaltigen deutschen Zeitschriftenlandschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts nehmen die avantgardistischen Zeitschriften einen nur verschwindend geringen marktrelevanten Platz ein. 1910 existierten in Deutschland knapp 6000 verschiedene Zeitschriften. 1914 waren es etwa 6700, davon ca. 165 Literaturzeitschriften und weitere 182 Kunstzeitschriften. Die Einschränkung des Rezipientenkreises der avantgardistischen Zeitschriften auf ein kleines Publikum, die der intellektuellen und kulturtragenden Elite zuzuordnen sind, ist auch an den Auflagenzahlen der Zeitschriften abzulesen. Buchmarktrelevante Auflagen erreichten nur die bekanntesten und bedeutensten Blätter. “Der Sturm” hatte eine Auflage bis zu 30000 Exemplaren und war darin unübertroffen. “Die Aktion” brachte es von 5000 bis 8000 Exemplaren am Anfang bis zu 20000 im Jahr 1930. Die Auflage der “Weissen Blätter” lag bei 3000 bis 5000 Exemplaren. Die vielen kleineren Zeitschriften kamen über diese Auflagenstärke nicht hinaus. Zum Vergleich: Bürgerlich-traditionelle Massenblätter, belletristische Zeitschriften und Kulturzeitschriften vom Typ der “Deutschen Rundschau” wiesen mittlere Auflagenhöhen zwischen 10000 und 50000 Exemplaren auf (Zahlen nach Fritz Schlawe: “Literarische Zeitschriften. 1910-1933″, Stuttgard 1973). Die dem Medium grundsätzlich eigenen regelmäßigen Publikationstermine wurden von den Herausgebern der avantgardistischen Zeitschriften nicht in allen Fällen angestrebt. Die oft rasche Einstellung einer neu gegründeten Zeitschrift hatte verschiedene Gründe: Zum Teil fielen die Zeitschriften Zensurmaßnamen zum Opfer, zum Teil führte fehlende verlegerische Erfahrung der Herausgeber zum ökonomischen Desaster. Nur die bekanntesten und inhaltlich bedeutendsten Organe des Expressionsimus erschienen regelmäßig. Die Zeitschrift “Der Sturm”, der ich mich im folgenden detailliert widmen möchte, gab 1910 die Richtung vor und wurde zum einflussreichsten Organ der europäischen Moderne.
Im März 1910 veröffentlichte Herwarth Walden (1878-1941) die erste Nummer des “Sturm” – einer “Wochenschrift für Kultur und die Künste”. Unter Waldens Ägide wurde “Der Sturm” zum Sprachrohr der literarischen und künstlerischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Hier publizierten Karl Kraus, Kurt Schwitters, Alfred Döblin und Else Lasker-Schüler, präsentierten sich die Protagonisten der frühen Kunst-Moderne. Legendär wurden die “Sturm”-Ausstellungen Herwarth Waldens, die die Kunst der Futuristen, Kubisten und Expressionisten europaweit berühmt machten. “Der Sturm” erschien erstmals am 3. März 1910 in Berlin, die letzte Ausgabe wurde 1932 herausgegeben. “Der Sturm” gehört damit zu den ersten und größten avantgardistischen Zeitschriften am Anfang des 20. Jahrhunderts und war neben der Aktion Franz Pfemferts das bedeutendste Forum des frühen deutschen Expressionismus. Zum erstenmal dürfte der Begriff “Expressionismus” von dem deutschen Kunsthistoriker Wilhelm Worringer 1911 in einem Aufsatz über Cezanne, van Gogh und Matisse im “Der Sturm” verwendet worden sein.
Anfangs erschien “Der Sturm” als Wochenzeitschrift, 1916 wurde aus dem Wochen- ein Monatsblatt. Der Sturm war aber nicht nur eine Zeitschrift, sondern wurde ausgeweitet zu einem Forum für neue Kunstströmungen. So gehörte schon von 1912 an eine Kunstausstellung zur Zeitschrift. 1914 wurde ein Verlag angegliedert, seit 1916 gehörte auch ein Vortragsprogramm sowie die Sturm-Schule für Bühne, Vortragskunst, Dichtung, Musik zur Zeitschrift. 1917-1921 folgte schließlich noch die Sturm-Bühne. Neben der Zeitschrift “Der Sturm” erschien auch eine Publikationsreihe, schlicht Sturm-Bücher genannt. In diesen wurden beispielsweise die Schauspiele von August Stramm veröffentlicht, aber auch theoretische Auseinandersetzungen mit der Moderne wurden hier publiziert. Zum ersten Mal von sich reden machte Der Sturm durch die Veranstaltung der Kunstausstellung Erster Deutscher Herbstsalon (1913).
Herwarth Walden und “Der Sturm” gehörten eng zusammen. Walden war ein Präzeptor der künstlerischen Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert, der mit seiner Zeitschrift “Der Sturm” zum massgebenden Entdecker und Anreger der europäischen Kunst-Moderne avancierte. Der “Strum”-Autor Walter Mehring beschreibt in seinen Memoiren Herwarth Walden als eine Art Schatzgräber, durch den dass, was er abdruckte oder ausstellte sich in “Ewigkeitswerte” zu verwandeln schien. Ein weiterer enger Mitarbeiter von Walden, der Dramatiker Lothar Schreyer, notiert über Walden in seinen Memoiren:
“Was war der Sturm? Eine Zeitschrift, eine Ausstellung, ein Verlag, eine Kunstschule, eine Bühne – aber das besagt nichts. Er war keine Vereinigung von Künstlern, keine Organisation. Er war gleichsam der Drehpunkt der europäischen Kunstwende. Hier war ein Magnet, der die für die Kunstwende der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entscheidenden Künstler unwiderstehlich anzog. Dieser Magnet war ein Mensch, Herwarth Walden.”
Geboren wird Herwarth Walden am 16. September 1878 unter dem bürgerlichen Namen Georg Lewin als Sohn eines jüdischen Arztes in Berlin. Entgegen dem väterlichen Wunsch verschmäht der musisch Hochbegabte die kaufmännische Karriere. Er studiert Musikwissenschaft und lässt sich in Berlin und Florenz zum Pianisten ausbilden. Ab 1899 führt er in Berlin eine Bohème-Existenz, lebt vom Musikunterricht und verkehrt in lebensreformerischen Vereinigungen wie den “Kommenden” und der “Neuen Gemeinschaft”. Dort lernt er die Dichterin Else Lasker-Schüler kennen, die er 1901 heiratet. Angeregt von seiner Frau “tauft” sich Georg Lewin in “Herwarth Walden” um – in Anspielung auf den Roman “Walden” von Henry Thoreau. Ein Name, der rasch im Berliner Kulturleben zu einem Begriff wird. 1903 gründet Walden den “Verein für Kunst”. Ein vielbeachtetes Forum, in dem die Créme deutscher Kunst und Literatur verkehrt: Peter Altenberg, Heinrich und Thomas Mann, Karl Kraus, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind, Lovis Corinth und Henry van de Velde. Bald beginnt Walden auch zu publizieren und wird Redakteur in verschiedenen Kultur-Zeitschriften. Seine Vorstellungen von einem anspruchsvollen Magazin als Echo moderner Kunstströmungen kann er aber erst mit der Gründung des “Sturm” verwirklichen. Die erste Nummer erscheint am 3. März 1910 und wurde als großformatiges Heft mit 8 Seiten Umfang 3-spaltig in moderner Antiqua gedruckt. Im programmatischen Vorwort des Herausgebers heisst es:
“Zum vierten Male treten wir mit einer neuen Zeitschrift an die Öffentlichkeit. Dreimal versuchte man, mit gröbsten Vertragsbrüchen unsere Tätigkeit zu verhindern, die von den Vielzuvielen peinlich empfunden wird. Wir haben uns entschlossen, unsere eigenen Verleger zu sein. Denn wir sind noch immer so glücklich, glauben zu können, dass an die Stelle des Journalismus und des Feuilletonismus wieder Kultur und die Künste treten können.”
“Der Sturm” will ein Sprachrohr der jungen Generation sein, die nach neuen Lebensstilen sucht und radikal mit den Konventionen einer erstarrten bürgerlichen Gesellschaft bricht. Ziel der Zeitschrift war es nicht, die Leser zu unterhalten, sondern vielmehr sie aufzurütteln und aus ihren bequemen Lebensgefügen herauszureißen. Dem radikal kulturkritischen Geist der neuen Zeitschrift fühlte sich kaum einer so verwandt, wie der mit Walden befreundete Karl Kraus. Seine Beiträge werden stilbildend für die Frühphase des “Sturm”, der bildungsbürgerlichem Feuilletonismus und seichtem Unterhaltungs-Journalismus den Kampf ansagt.
Walden setzt sich für die Förderung aller avantgardistischen Stilrichtungen (Dadaismus, Futurismus, Expressionismus, Kubismus) ein. Schnell avancierte das Organ zu einem publizistischen und organisatorischen Zentrum von europäischem Rang. Karl Kraus beendete bereits nach zwei Jahren seine Mitarbeit im “Sturm” – ihm missfallen die Proklamationen der neuen Kunstideen, denen Walden in seiner Zeitschrift immer größeren Raum gibt. Aber auch ohne die Mitwirkung des Wiener Meisterkritikers leidet das Blatt bis in die zwanziger Jahre hinein keinen Mangel an illustren Mitarbeitern. Als Schriftsteller einem eher konservativ-naturalistischen Stil verpflichtet (z.B. sein Roman “Das Buch der Menschenliebe”, 1916), wurde Walden aufgrund seiner vielfältigen Begabungen und seines Organisationstalents zu einer zentralen Mittlerfigur im Literatur- und Kunstbetrieb, die späteren Berühmtheiten wie Gottfried Benn, Alfred Döblin, Albert Ehrenstein und Walter Mehring ein erstes Forum zur Verfügung stellte. Insbesondere war es Else Lasker Schüler, deren Gedichte und Romane in den ersten Jahren dem Sturm das Gesicht einer poetischen Anthologie gaben. In der 20. Nummer des ersten Jahrgangs erschien Oskar Kokoschkas Drama “Mörder – Hoffnung der Frauen” mit den Zeichnungen des österreichischen Künstlers, der die Zeitschrift grafisch betreute. Seither bestimmten Holzschnitte und Zeichnungen das Gesicht der Zeitschrift. Im “Sturm” erscheint im Sommer 1914 erstmals das lyrische Werk des Radikal-Expressionisten August Stramm, hier publiziert Guillaume Apollinaire seine kunstkritischen Texte, und hier bietet sich ein Forum für dadaistische Sprachkünstler wie Tristan Tzara und Hans Arp. Und auch Kurt Schwitters, der eigenwilligste ‘Wort-Akrobat’ der deutschen Literatur, findet im Sturm eine ideale Plattform für seine provokante Laut-Poesie. Die jungen Autoren erregten mit ihren Gedichten und Pamphleten die Gemüter. Sie waren auf der Suche nach “Dem Neuen” und sagten sich von der Jahrhundertwende-Dichtung los. Sie setzten sich gegen das Alte zur wer. Sie füllten die Spalten der ersten Nummern und Jahrgänge mit Gedichten, Erzählungen, Skizzen, Essays, Glossen und Polemiken. Man protestierte gegen die offizielle Kunstauffassung und die reaktionäre Kunstkritik. Man unterstütze alle moderen Strömungen, man befasste sich mit Ästhetischen und moralischen Fragen, aber schloss die Politik aus, es sei den, es ging um Kunstpolitik und Kunstförderung. Man dichtete und schrieb Manifeste, man begrüßte die jungen Dichter und die kommenden Künstler. So wurde der Sturm das Sprungbrett für viele bis dahin unbekannte Autoren.
Das kulturelle Milieu im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts war freilich ein denkbar günstiger Nährboden für den Erfolg des “Sturm”-Unternehmens. Nirgendwo sonst herrschte eine derart hektische Aufbruchstimmung zu neuen Ausdrucksformen der Kunst, Literatur und Musik wie im Berlin der zehner und zwanziger Jahre. Es war ein Aufbruch in der Kunst und alles, was in der Welt neu war, ist von Berlin ausgegangen. In diesem kulturellen Aufbruchsklima wird der “Sturm” rasch zu einem international bekannten Begriff. Vor allem, nachdem Herwarth Walden in Berlin die “Sturm-Galerie” gegründet hat. Mit dem Erster Deutscher Herbstsalon wird die Strum-Gallerie im März 1912 eröffnet mit einer Ausstellung der Münchner Künstlergruppe “Der Blaue Reiter” und einer Sonderschau des Frühwerkes von Oskar Kokoschka. Bereits im April folgt die erste Ausstellung des italienischen Futurismus in Deutschland, die ein spektakulärer Erfolg ist und Künstler wie Umberto Boccioni und Gino Severini berühmt macht. Mit unträglichem Spürsinn für die Schlüsselwerke avantgardistischer Kunst präsentiert Herwarth Walden bis in die späten zwanziger Jahre in der Berliner “Sturm”-Galerie die großen Namen der frühen Moderne – neben vielen anderen: Picasso, Braque, Gauguin, Kandinsky, Marc Chagall, Feininger und Schlemmer. Gleichzeitig werden in der “Sturm”-Zeitschrift die kontroversen Kunstdebatten des frühen 20. Jahrhunderts geführt und bahnbrechende Texte zur modernen Kunst abgedruckt: etwa Kandinskys Essay “über das Geistige in der Kunst”, Delaunays Studie “über das Licht” und Marinettis “Futuristisches Manifest”. Programme, in denen Herwarth Walden Bauelemente einer neuen Ästhetik entdeckt, deren vielgestaltiges Panorama im “Sturm” entfaltet wird. Die kinematographische Technik der im “Sturm” ausgestellten Futuristen beeinflusste die apokalyptischen Großstadtvisionen von Ludwig Meidner, den frühen George Grosz und den gesamten Berliner Dadaismus.
Die zweite Ehe mit der wohlhabenden schwedischen Malerin Nell Roslund (1912-1924) versetzte Herwarth Walden zudem finanziell in die Lage, eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunstwerke zu erwerben und junge Künstler zu fördern. Die Zeitschrift funktionierte als verlängerte Arm der Ausstellungen. “Der Sturm” wurde die wichtigste und zugleich originellste Publikation zur Verbreitung expressionistischer, kubistischer, abstrakter und schliesslich konstruktivistischer Kunst in Deutschland. Und Herwarth Walden wurde ihr Repräsentant, Förderer, Vermittler und Mäzen. Innerhalb weniger Jahre initiiert Walden unter dem Signum des “Sturm” eine Art “Gesamtkunstwerk der Moderne”, das geprägt ist vom Glauben an eine universale Bewusstseinsveränderung. Im ersten Jahrzehnt des “Sturm” organisiert Herwarth Walden nahezu im Alleingang rund einhundert Ausstellungen im In- und Ausland und knüpft ein europaweites ‘Netzwerk’ für avantgardistische Kunst. Er organisierte für seine Künstler Europatourneen durch Skandinavien, nach Italien, bis nach Tokio. 1914 gab es eine grosse Grafik-Ausstellung in Tokio. Er organisierte die erste Europatournee für den ‘Blauen Reiter’, für die Futuristen, für alle seine Künstler. Franz Marc war ständig in den Städten Europas vertreten – immer als ‘Sturm’-Ausstellung. Die Veröffentlichungen der Sturm-Bücher, neben der Zeitschrift, ergänzten das Bild moderner Kunst und Dichtung. Einen besonderen Wert hat die Zeitschrift dadurch, dass sämtliche Holzschnitte vom Stock gedruckt wurden – also Originalgrafik sind.
Während des Ersten Weltkrieges entwickelt sich der “Sturm” zum facettenreichen ‘Kunst-Unternehmen’, dem Walden beständig neue Betätigungsfelder erschliesst. 1916 eröffnet er eine “Sturm”-Kunstschule mit Sektionen für Bühne, Schauspiel, Vortragskunst, Malerei, Dichtung und Musik. Noch im gleichen Jahr werden die “Sturm”-Vortragsabende ins Leben gerufen und eine “Sturm”-Buchhandlung in Berlin gegründet. Die Sturm-Abende sowie der alljährlich ausgerichtete Sturm-Ball wurden zu gesellschaftlichen Ereignissen. 1917 kommt die “Sturm-Bühne” hinzu, von der wichtige Impulse für die Entwicklung des expressionistischen Theaters ausgehen. Die »Sturm-Bühne« wurde von Lothar Schreyer geleitet, der später am Bauhaus mit diesem Programm Schiffbruch erlitt. »Sturm«-Künstler wie Walter Reimann, Rudolf Belling oder Walter Röhrig waren später maßgeblich an der Ausstattung der ersten expressionistischen Filme etwa »Das Kabinett des Dr. Caligari« oder »Der Golem« beteiligt.
Nach dem Ersten Weltkrieg ließ die Attraktivität von “Sturm”-Zeitschrift und “Sturm”-Galerie allmählich nach. Die avantgardistische Kunst von gestern hatte sich durchgesetzt, viele ihrer Protagonisten waren berühmt geworden und hatten sich etabliert, ihr großer Förderer Herwarth Walden jedoch führte im Kulturleben der Weimarer Republik eher eine Randexistenz. Walden verkaufte 1926 sein Archiv an die damalige Preußische Staatsbibliothek in Berlin. Das war ein symbolischer Abschluss seines Wirkens für die moderne Kunst und Literatur. Andere Ziele standen ihm vor Augen. Sowjetrussland mit seinen Reformen zog ihn an. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges war Herwarth Walden der Kommunistischen Partei beigetreten. Von ihr erhoffte er die Verwirklichung einer sozialen Revolution, die er als Vollendung der von ihm verkündeten Kunstrebellion ansah. In den zwanziger Jahren geriet der im Gegensatz zu Pfemferts “Aktion” zunächst eher apolitische “Sturm” allmählich zum Propagandablatt eines sozialistischen Gesellschafts- und Kunstideals sowjetischer Prägung. Die letzten “Sturm”-Ausstellungen fanden 1929 statt. Und im März 1932 erschien ohne grosse Beachtung die letzte Nummer der “Sturm”-Zeitschrift. In den letzten 5 Jahren war die Zeitschrift auch aus finanziellen Gründen immer unregelmäßiger erschienen.
Walden ging 1932 in die UdSSR in der Erwartung, dass er dort seine Erfahrungen und Kenntnisse in den kulturellen Aufbau des Landes einbringen konnte. Er arbeitete in Moskau als Sprachlehrer, gab Schulausgaben deutscher und russischer Dichter heraus und publizierte in den deutschen Exilzeitschriften Das Wort und Internationale Literatur. In seiner 1938 erschienenen Schrift “Vulgär-Expressionismus” versuchte er, die Stilrichtung gegen den Rigorismus der Moskauer Kulturbürokratie in Schutz zu nehmen, geriet hierdurch jedoch politisch ins Abseits und wurde – darin das Schicksal zahlreicher deutscher Emigranten teilend – Opfer der stalinistischen Säuberungsaktionen. Walden wurde im März 1941 im Moskauer Hotel Metropol verhaftet und starb am 31. Oktober desselben Jahres im Lager Saratow.
“Der Strum” war ein geistig-künstlerisch-kulturelles Unternehmen auf der einen Seite und es war auf der anderen Seite natürlich ein kommerzielles, ein kunsthändlerisches Unternehmen. Herwarth Walden hat eine grosse ‘Corporate Identity’ begründet. Der ‘Sturm’, das war nicht nur die ‘Sturm’-Galerie, die ‘Sturm’-Zeitschrift, das war die ‘Sturm’-Buchhandlung, das war der ‘Sturm’-Club und das war ein Versuch eben mit dem, was die Künstler taten, tatsächlich auch den Kunstmarkt zu begründen. Dieses Unternehmen, das er so vielgestaltig und mit vielen Verästelungen begründete, trug das Markenzeichen des ‘Sturm’. In gewisser Weise ist das ein ganz moderner Gedanke, der weit hinein ins 20. Jahrhundert und ins 21. Weist. “Der Sturm” war, aus kommunikationstheoretischer Sicht, ein Vorreiter des modernen Marketing, des Markenname, des Logos, das man nutze, um mit einer bestimmten künstlerischen Richtung, einer künstlerischen Überzeugung und den umfangreichen Werken, die im “Sturm” versammelt waren, in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten.

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