Independents und Filmzensur in den USA
Keine Altersfreigabe ist besser als eine Klassifizierung, sagen viele amerikanische Independent-Filmemacher und umgehen so die Selbstzensur der Hollywoodindustrie.

Es kommt immer häufiger vor, dass Produktionsfirmen von Independentfilmen die selbstregulierende Altersfreigabe Hollywoods umgehen. Damit widersetzen sie sich den marktregulierenden Mechanismen der Mainstream-Filmindustrie und schaffen neue Wege der Distribution von Filmen mit Inhalten für Erwachsene. Viele unabhängige Filmemacher wollen ihre Filme nicht der studionahen Kontrollkommission einreichen, nur um eine bessere Chance auf ein breiteres Publikum zu erhalten. Die Kontrollkommission bestehe aus einer Gruppe von Eltern, die keine formale Ausbildung im Umgang mit den Nuancen eines Films oder der inhaltlichen Sensibilität in Zusammenhang mit filmischen Kontexten haben, so der häufige Vorwurf. Die Altersfreigabe “NC-17″ (frei ab 18) repräsentiert nicht Inhalte für Erwachsene, sondern steht in den USA in direkter Assoziation mit Pornographie und wird in den meisten Kinos von vornherein nicht gezeigt.
Selbstkontrollierte Marktregulierung
In den USA werden Filme heute mit einer Alterseinstufung auf den Markt gebracht, die ähnlich funktioniert wie die Altersfreigabe der “Freiwilligen Selbstkontrolle” (FSK) in Deutschland. Jeder Film wird vor der Veröffentlichung einer studionahen Kommission gezeigt, die in Zusammenarbeit mit der Motion Picture Association of America (MPAA) die Freigabe der Produktionen für bestimmte Altersschichten klassifiziert. Dieses selbstregulierende “Rating System” wurde 1968 eingeführt und ermöglichte die Erschließung neuer Themen und Darstellungen im amerikanischen Kino. Zuvor galt der berüchtigte “Production Code” für die Regelung filmischer Inhalte, der Anfang der 30er Jahre eingeführt wurde und als strikter Katalog für über 30 Jahre regelte, was in amerikanischen Filmen gezeigt und gesagt werden durfte und was nicht. Filme wurden mit einem Gütesiegel versehen und die wichtigsten Kinos (die unter der Kontrolle der Studios standen), zeigten nur solche Filme, die durch die Kontrollkommission (das sogenannte “Hays Office”) gegangen sind. Das “Hays Office” begleitete die Produktion von Filmen vom Drehbuch bis zum fertig geschnittenem Film. Wenn etwas nicht den strikten Regeln des Codes entsprach, wurden Änderungen nahegelegt. Meist hielten sich die Studios daran, weil klar war, dass ohne Gütesiegel die Filme kaum Chancen hatten, in die Kinos zu kommen. Anders als die festen Formeln des “Production Codes” ermöglicht das “Rating System” eine weitere Bandbreite und eine flexiblere Handhabung von Filminhalten und Bildern. Trotzdem funktioniert das “Rating System” ähnlich wie der frühere Code. Der hauptsächliche Unterschied besteht darin, dass die Filme in unterschiedlichen Kategorien klassifiziert werden, anstatt dass jeder Film für jedes Zuschauersegment tauglich sein muss – von Kindern bis zu Erwachsenen. Die Regulierung ist sublimer geworden. Und es geht eigentlich nicht mehr um die Regulierung von Inhalten, denn das “Rating System” ist wie der “Production Code” ein von den Studios kontrollierter Zugang zum Filmmarkt geworden. Filmemacher müssen nicht mehr so vorsichtig sein, was sie in ihren Filmen zeigen. Aber das “Rating”, das Identifizieren und Klassifizieren von Filmen, bevor sie in die Kinos kommen, ist bedeutend dafür, wie Filme auf den Markt kommen und dort aufgenommen werden.
Schmuddel-Image der X-Filme
Aber gerade bei Filmen für Erwachsene mit einem “X-rating” ist der MPAA bis heute die Kontrolle nicht vollständig gelungen. 1968 entschied sich Jack Valenti (Präsident der MPAA, der das “Rating System” einführte) dagegen, das “X” mit einem Copyright zu schützen.
Während jede Produktionsfirma gezwungen war, für ein “G”, “M” oder “R” ihre Filme bei der Kontrollkommission der MPAA einzureichen, konnten Independent-Firmen bis hin zur Pornoindustrie ihre Filme selbständig mit dem “X” versehen. Ein prestigevoller Studiofilm wie “Midnight Cowboy” stand sozusagen auf einer Ebene mit Russ Meyers “Vixen” oder ausländischen Kunstfilmen wie Bertoluccis “Der letzte Tango in Paris” (Foto links). Die von Hollywood unabhängige Pornofilmindustrie nutze diesen Umstand und baute das “X” – Rating bald zu ihrem Markenzeichen aus (bis hin zum XXX). In der amerikanischen Öffentlichkeit festigte sich schnell die Meinung, dass es sich bei einem X-rated Film nur um einen weiteren “schmutzigen Film” handeln könne. Gleichzeitig buchten die wichtigsten Spielstätten keine X-rated Filme, es wurde schwierig, Anzeigen für X-Filme in Zeitungen und Fernsehen zu schalten. Selbst die Umbenennung von “X” in “NC-17″ 1990 hat nicht viel an diesem Image geändert. Eingeführt wurde “NC-17″, um dem Schmuddelimage des “X” entgegenzuwirken und eine neue Kategorie für Inhalte für Erwachsene zu öffnen. Doch Hollywoodproduktionen mit einem “NC-17″ floppten. Es scheint heute in Hollywood eine Übereinstimmung darüber zu geben, dass man mit “NC-17″ kein Geld verdienen kann, weil das Publikum von dem Rating voreingenommen ist. NC-17 ist nun reserviert für Filme die durch dass Netz der Marktregulierung Hollywoods fallen.

Von Hollywood produzierte Filme werden dahingehend ausgerichtet, dass sie das profitablere “R” (“Restricted” – Unter 17-jährige nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten) bekommen. Beispielsweise wurden im Sommer 1999 zwei Studiofilme von der MPAA-Kommission mit “NC-17″ klassifiziert und mussten verändert werden, um das “R” zu erhalten: In Stanley Kubriks “Eyes Wide Shot” (Foto rechts) wurden computeranimierte Schatten über kopulierende Pärchen in der langen und recht unerotischen Orgien-Sequenz gelegt. Und der Zeichentrickfilm “South Park” von Rey Parker und Matt Stones musste wegen seines kruden Humors mehrmals umgeschnitten werden.
Absage der Independents an das “Rating System”

Heute kommt es immer häufiger vor, dass Independent-Produktionen die Alterseinstufung der MPAA umgehen. Es ist besser kein Gütesiegel zu haben, als ein “NC-17″ oder Filme umschneiden zu müssen. Mit dieser Strategie hatte im letzten Jahr die Firma “Artisan Entertainment” relativ gute Erfolge mit dem Film “Requiem for a Dream” gehabt, und sie werden es wohl mit Wayne Wangs neuem Film “The Center of the World” (Foto) wieder schaffen – ein Film über destruktive Gefühle, die zwischen einer Prostituierten und einem Internet-Tycoon während eines Sexwochenendes in Las Vegas aufkommen, mit teilweise verstörenden und gewaltvollen Sexszenen. Obwohl es schwierig ist, Kinos zu finden, die nichtklassifizierte Filme zeigen, ist es leichter sie in Zeitungen und Fernsehen zu vermarkten. “Requiem for a Dream” wurde in den USA in weniger als 100 Kinos gespielt, brachte jedoch 3.6 Millionen US-Dollar ein. Mit einem Budget von 4.5 Millionen ist ein Profit bei der Vermarktung durch Videos und Verkäufen ins Ausland absehbar. Eine andere Distributionsfirma für Independentfilme, “The Shooting Gallery”, lässt ihre Filme selten klassifizieren. Einige haben Themen, die eine unvorteilhafte Bewertung nach sich ziehen würden, andere, wie der iranische Film “The Day I Became a Woman”, beinhalten keinen Sex, keine Gewalt und keine bedenkliche Sprache. “The Shooting Gallery” kann ihre Filme in 14 Städten in den Staaten zeigen, weil gute Kontakte zu Art-House-Kinos ausgebaut wurden, die auch Filme ohne ein “Rating” zeigen. Da kantige Filme sowieso weniger Publikum interessieren, schmerzt es auch nicht, dass solche Filme nicht im Multiplex laufen.
Der Art-House Skandal “Romance”

Moderaten Erfolg hatte auch die Independent-Firma “Trimax Pictures” mit der Distribution des französischen Films “Romance” von Skandalregisseurin Catherine Breillat. Der Film hatte kein “Rating” und brachte in den USA ca. 1.3 Millionen US-Dollar ein. “Romance” erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die gefrustet von ihrem Mann, in eine Serie von sexuellen Beziehungen gerät. Diskurse von Sexualität und Machtverhältnisse der Geschlechter werden verhandelt und in vielen Szenen auch explizit dargestellt. Der Film war in den Kategorien des amerikanischen Art-House-Kinomarktes ein Hit. Das Filmplakat verdeutlicht warum: Es zeigt ein Farbbild der mit einer Hand verdeckten Scham von Schauspielerin Caroline Ducey. Dazu wird der Blick verdeckt durch den Titel und ein blutrotes X – eine selbstauferlegte Klassifizierung und Erinnerung an den Umgang mit dem “X” durch Independent-Produktionen in den 70ern. Während der Film Erfolge beim Kunstkino-Publikum verbuchte, löste er heftige Debatten in der amerikanischen Presse aus. Die Attacken fokussierten weniger die bildlichen Inhalte des Films, sondern kritisierten die Marketingstrategie. Mehr als 30 Jahre nach der Einführung des “Rating Systems” in den USA löst ein ambitionierter Film für Erwachsene immer noch den Reiz des Besonderen und Verbotenen aus. Hollywood dominiert einen Filmmarkt, der es nicht schafft, Inhalte für Erwachsene zu kommerzialisieren, die sich jenseits von Pornographie befinden.

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